Wenn der Boden sich bewegt – und Deine Wurzeln tiefer reichen
Was nach Reorganisationen hilft
Veränderungen in Organisationen haben eine eigentümliche Qualität. Sie kommen selten überraschend – und treffen trotzdem fast immer unvorbereitet.
Man wusste, dass sich etwas verändern würde. Und dennoch: Wenn die neue Struktur feststeht, wenn Bereiche zusammengelegt werden, wenn Vorgesetzte wechseln, wenn die eigene Rolle plötzlich eine andere ist – dann ist da oft etwas, das sich anfühlt wie Boden, der sich unter den Füßen verschoben hat.
Das ist keine Schwäche. Das ist eine zutiefst menschliche Reaktion auf den Verlust von Orientierung. Und sie wird leichter, wenn man sich erlaubt, sie zu haben.
Nach der Reorganisation: Was Du zuerst denkst – und warum es selten stimmt
Wenn die Reorganisation steht und Deine Rolle nicht mehr dieselbe ist, taucht meistens ein Gedanke fast automatisch auf: Hätte ich etwas anders machen müssen? Oder schärfer: War ich anscheinend nicht gut genug.
Diese Personalisierung struktureller Entscheidungen ist eine der häufigsten und unterschätztesten Bewegungen, die ich im Coaching erlebe. Eine Abteilung wird zusammengelegt – und die Führungskraft denkt, sie habe etwas versäumt. Eine Rolle fällt weg – und die Person fragt sich, was sie hätte sichtbarer machen sollen. Eine neue Vorgesetzte kommt, die nicht zur eigenen Arbeitsweise passt – und im Hinterkopf läuft: Ich habe es mir wohl mit den Falschen verscherzt.
Diese Erklärungen sind verständlich. Sie sind sogar tröstlich, weil sie Kontrolle suggerieren: Wenn ich daran schuld bin, kann ich beim nächsten Mal etwas anders machen. Aber sie stimmen meistens nicht. Reorganisationen folgen Logiken, die weit jenseits der individuellen Leistung liegen – Marktveränderungen, strategische Verschiebungen, neue Führungspersonen mit neuen Prioritäten, politische Kräfteverhältnisse zwischen Bereichen.
Der erste Schritt in dieser Phase ist deshalb nicht, sich zu sortieren. Der erste Schritt ist, das, was passiert ist, zu entkoppeln von dem, was Du wert bist.
Die Bewegungen, die in die Sackgasse führen
Es gibt zwei typische innere Bewegungen, in die Menschen nach einer Reorga geraten, und beide haben dieselbe Grundlogik: raus aus dem Unbequemen, sofort in die Lösung.
Die eine ist das verfrühte „Ich mache das Beste draus“. Sie klingt erwachsen, pragmatisch, fast tugendhaft. In Wirklichkeit überspringt sie den Schmerz – und damit den Ort, an dem Klärung überhaupt erst möglich wäre. Wer den Verlust nicht anerkennt, kann nicht wirklich umarmen, was kommt. Er funktioniert nur weiter.
Die andere ist das hyperaktive Sich-Neu-Positionieren. Sofort networken, sofort sichtbar werden, sofort die nächste Rolle suchen. Auch das sieht aktiv und gesund aus. Aber meistens ist es Flucht – Flucht vor dem unbequemen Gefühl, dass gerade nichts klar ist. Die Bewegung wirkt zielgerichtet, aber sie kommt nicht aus einer Verortung, sondern aus dem Versuch, die Verortung zu vermeiden.
Beide Bewegungen sind nachvollziehbar. Und beide überspringen den Zwischenraum, der eigentlich der wichtigste Ort ist.
Was im Zwischenraum nach der Reorganisation geschieht
Menschen, die nach einer Reorganisation zu mir ins Coaching kommen, befinden sich oft genau dort: in einem Zwischenraum. Das Alte gilt nicht mehr. Das Neue ist noch nicht greifbar. Und sie sind erschöpft davon, so zu tun, als würde das alles nichts ausmachen.
Was ich in diesen Momenten als erstes tue: nichts lösen. Stattdessen Raum schaffen für das, was wirklich da ist – Schmerz, Wut, Frustration, Trauer, manchmal eine Art Lähmung. Diese Emotionen werden nicht ausgesprochen, weil sie unprofessionell wirken könnten. Aber sie sind da, und solange sie nicht da sein dürfen, läuft alles andere ins Leere.
Manchmal fehlen für das Erlebte zunächst die Worte. Dann arbeite ich mit Bildern – konkret mit Fotografien von Menschen, deren Gesichter unterschiedliche Emotionen zeigen. Die Klientin oder der Klient sucht aus, was am ehesten passt. Es ist erstaunlich, wie viel Klarheit dieser kleine Schritt bringt: Wenn ein Gesicht das ausdrückt, was man selbst noch nicht in Worte fassen konnte, kommt die eigene innere Lage plötzlich zum Vorschein.
Wenn das da sein darf, was da ist – wenn der Schmerz benannt, die Wut bestätigt, die Frustration anerkannt wurde –, kommt die Person fast immer von selbst zur nächsten Bewegung: Was bleibt eigentlich von mir, auch wenn alles drumherum sich verändert hat?
Den Wind nicht bekämpfen
Vielleicht hilft an dieser Stelle ein Bild. Schau Dir einen Baum im Sturm an. Nicht den heroischen Baum, der angeblich gegen alle Winde aufrecht steht – sondern einen wirklichen. Seine Krone biegt sich. Die Äste folgen dem Wind. Die ganze Form gibt nach, sichtbar und ohne Widerstand.
Genau deshalb bricht er nicht. Aber das ist nur die halbe Wahrheit.
Ein Baum kann sich nur biegen, weil seine Wurzeln tief verwachsen sind. Ohne dieses Wurzelwerk würde er beim ersten kräftigen Wind umfallen oder splittern. Das Sichtbare – die nachgebende Krone – funktioniert nur, weil unten, im Verborgenen, etwas anderes nicht nachgibt. Das Biegen ist nicht das Eigentliche. Das Eigentliche ist, was hält, während oben alles in Bewegung gerät.
Und schau Dich um in einer solchen Landschaft: Es ist nicht nur der Baum, der sich biegt. Die Gräser tun es, die Büsche, der ganze Boden ist in Bewegung. Niemand ist still. Das normalisiert etwas: Es ist nicht so, dass Du allein bist in dem Sturm. Du bist Teil einer Landschaft, die sich gerade insgesamt bewegt.
Genau darum geht es in dieser Phase. Nicht darum, heldenhaft gegen die Veränderung zu stemmen, aber auch nicht darum, einfach nachzugeben. Sondern darum, sich biegen zu können, weil etwas in Dir tiefer reicht als die aktuelle Struktur. Die nächste Frage ist also nicht: Wie halte ich stand? Sondern: Was sind eigentlich meine Wurzeln – und wo liegen sie?
Wie sich Ressourcen in der Veränderung aktivieren lassen
Diese Wurzeln sind nicht abstrakt. Sie sind konkret – und sie liegen in Deiner Vergangenheit. Du hast sie über Jahre wachsen lassen, ohne es zu merken. Im Coaching geht es darum, sie wieder spürbar zu machen.
Was ich dann gemeinsam mit Klient:innen mache, ist nicht das Erstellen einer Stärken-Liste. Stärken in einer Liste zu lesen ist wenig wirksam. Wirksam ist, sie wieder zu spüren – und sie aus einer Situation, in der sie schon einmal getragen haben, in die jetzige hineinzunehmen.
Konkret heißt das: Wir suchen gemeinsam nach einer früheren Situation, in der Du etwas Schwieriges gemeistert hast. Eine Veränderung, eine Krise, eine Phase, in der der Boden sich auch schon einmal bewegt hat – und Du es durchgestanden bist. Dann gehst Du gedanklich wieder in diese Situation hinein. Nicht analytisch, sondern mit allen Sinnen: Was hast Du damals gesehen? Wer war da? Was hast Du gehört? Wie hat sich Dein Körper angefühlt? Was hat Dir am Ende geholfen?
Und in genau diesem inneren Zustand – mit der Ressource wieder spürbar in Dir – schaust Du auf die jetzige Situation. Plötzlich sieht sie anders aus. Nicht weil sich etwas an ihr verändert hat, sondern weil Du anders darin stehst.
Das ist mehr als Erinnerung. Es ist eine Übertragung. Die Erfahrung, dass Du so etwas schon einmal konntest, ist nicht abstrakt verfügbar – sie ist in Dir gespeichert, und sie lässt sich abrufen. Genau das sind Deine Wurzeln. Sie wachsen nicht im Moment der Krise. Sie sind schon da. Was die Krise tut, ist nur, sie sichtbar zu machen.
Ein Impuls für Dich: Deine Wurzeln wiederfinden
Falls Du gerade selbst in einer solchen Phase steckst – oder ahnst, dass eine kommt – lade ich Dich zu einer Übung ein. Sie braucht nicht mehr als zehn ruhige Minuten.
Setz Dich an einen Ort, an dem Dich niemand stört. Schließ kurz die Augen.
Erinnere Dich an eine Situation aus Deiner Vergangenheit, in der der Boden sich auch schon einmal bewegt hat – beruflich oder privat. Eine Phase, in der etwas zu Ende gegangen ist, etwas Neues begonnen hat, oder etwas zerbrochen ist, was Du nicht für möglich gehalten hättest. Eine Situation, von der Du heute weißt: Ich habe das gemeistert.
Geh in diese Erinnerung hinein – nicht denkend, sondern betretend. Was hast Du gesehen? Wo warst Du? Wer war bei Dir, wer fehlte? Was hast Du gerochen, gehört? Wie hat sich Dein Körper angefühlt – wo war Anspannung, wo Energie, wo Wärme?
Und jetzt: Was hat Dir damals geholfen? Worauf hast Du Dich verlassen? War es eine bestimmte Eigenschaft – Geduld, Klarheit, Humor, Trotz, eine bestimmte Beziehung, ein bestimmter Gedanke? Verweile dort. Lass die Ressource wirklich spürbar werden, fast wie eine Wärme. Tanke daran.
Wenn Du diese innere Verfassung hast – nicht nur denkst, sondern spürst –, schau aus diesem Zustand auf Deine jetzige Situation. Auf die Reorganisation, die neue Rolle, die unsichere Lage. Was ist anders, wenn Du sie mit dieser Ressource anschaust?
Das ist kein Trick. Es ist eine echte innere Verschiebung. Du hast die Ressource nicht erfunden – sie war schon da. Du hast sie nur zurückgeholt, dorthin, wo Du sie jetzt brauchst.
Und was Du Dir wünschst? Das darfst Du Dir leise und ohne Druck stellen. Nicht im Sinne von Was muss ich jetzt entscheiden?, sondern: Was wünsche ich mir – wenn alles möglich wäre? Diese Frage öffnet etwas, was die Hyperaktivität nie öffnet. Sie ist der erste Faden, an dem sich der nächste Schritt entlanghangelt.
Der Baum biegt sich, weil seine Wurzeln halten. Der Sturm geht vorbei. Was bleibt, ist nicht die alte Form – aber das, was Dich trägt. Und Du.


